Mittwoch, 20. Januar 2016

Rezension || Rebecca Hunt - "Mr. Chartwell"

Wow.

Goodreads sagt mir, ich sei zwei Bücher vor meinem Zeitplan. Das Jahr ist neunzehn Tage jung und ich habe bereits vier Bücher gelesen. Gerade das fünfte angefangen. Und der Januar ist noch lange nicht zu Ende. 

So kann es weitergehen.

Das Buch, das ich heute beendet habe und dem ich (Vorsicht Spoiler-Alarm) volle fünf Sterne gegeben habe, ist trotz seines Humors nichts für schwache Gemüter. Und ich selbst musste einige Male schlucken, bei den so treffenden Beschreibungen einer Krankheit unter jener ich diesen Roman auch ausfindig gemacht habe. In einem Buch das ich ebenfalls dieses Jahr erstanden habe: Die Romantherapie (- 253 Bücher für ein besseres Leben) von Ella Berthoud  & Susan Elderkin (erhältlich im Suhrkamp-Verlag). Jenes Stichwort werde ich später noch erwähnen. Auf jeden Fall findet man dort:


Rebecca Hunt
Mr. Chartwell (Mr Chartwell)

Erschienen 2012 im Luchterhand Literaturverlag 
ISBN 978-3-630-87347-3

Im Taschenbuch erhältlich btb für 9,99€




Bei jedem Buch das ich lese und je höher die Bewertung ausfällt, desto schwieriger fällt es mir, meine Begeisterung in Worte zu fassen. Ich habe immer das Gefühl, dass meine Beschreibungen nicht genügen. Dass sie nur hohle Gebilde sind für eine Erzählkunst, die so viel mehr verdient hätte. 

Selten habe ich ein Buch so spontan erworben und dann so schnell nach dem Kauf gelesen. Immerhin versauern die meisten meiner Bücher jahrelang auf meinem SUB (anschauen - hier klicken) bevor ich mich "überwinde" sie zu lesen. Manchmal habe ich das Gefühl meine Bücher sind wie Menschen, erst muss ich mit ihnen warm werden, ein lange Zeit um sie herum scharwenzeln, bis ich mich mit ihnen anfreunde. Bücher sind doch wie Freunde. Oder?

Mr. Chartwell war da anders: Auf es aufmerksam geworden, einen Tag später bestellt und bereits vier Tage nach der Ankunft ausgelesen. Das ist für mich eine ziemlich stolze Leistung. 

Mich gruselt es jetzt schon, weil ich weiß, was jetzt folgen muss: eine Zusammenfassung... 

Mr. Chartwell ist ein großer, schwarzer Hund. Selbst wenn er sitzt überragt er einen Menschen auf einem Stuhl. Er ist unangenehm, sowohl was seinen Geruch, als auch sein Verhalten angeht. Er tut all die Dinge, die der Mensch, den er gerade heimsucht, nicht erträgt. Er ist dreckig. Sein Benehmen schwankt zwischen geistreichem, einfühlsamen Charmeur und wilder Bestie. Ihn loszuwerden ist schier unmöglich. 

Als die Bibliothekarin Esther Hammerhans ihr möbliertes Zimmer untervermieten will, ist es Mr. Chartwell, der einen Besichtigungstermin wahrnimmt. Und obwohl sich alles in Esther gegen die Unterbringung sträubt, lässt sie sich darauf ein, ihn für eine Weile bei sich aufzunehmen. Dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits keine andere Wahl hat, ist ihr nicht bewusst. Noch glaubt sie, das Geld wäre der Grund, warum sie zustimmt. Obwohl sie ahnt, welche Rolle Mr. Chartwell in Winston Churchills Leben spielt, bei dem er tagsüber seinen Dienst leistet. 

Dies ist der Hinweis, den man (leider) schon vorne herein vom Klappentext erhält und den vielleicht Historiker nicht einmal bräuchten: Winston Churchill beschrieb Zeit seines Lebens die Depressionen, unter denen er litt, als einen schwarzen Hund. 

Rebecca Hunt nimmt diese Beschreibung und führt sie aus. Packt sie in einen Roman, der vor Witz sprüht und gleichzeitig unerträgliche Melancholie erzeugt. Dies ist nicht nur dem Thema geschuldet, sondern auch der Protagonistin, die so unendlich zerbrechlich wirkt. Erst recht im Angesicht des monströsen Hundes. Dieser ist zwar der Vertreter einer schrecklichen Krankheit, punktet aber gleichzeitig mit Charme und Tollpatschigkeit. Man entzieht sich nur schwer seiner Anziehungskraft und gerade deshalb, schafft Rebecca Hunt es die Depressionen alias Mr. Chartwell so darzustellen, dass auch ein gesunder Mensch das Wesen und den Sog der Krankheit versteht. 
Gepaart mit einer Wortkunst, die ich mit mehreren Dutzenden von Post-Its festhalten musste, verfällt man dem Buch, wie die Kranken Mr. Chartwell verfallen. Diese Sätze und Wortkonstruktionen, Metaphern und Beschreibungen... Ich wünschte, ich könnte mich mit derselben Fantasie und Vielfalt  ausdrücken, um die Kunst der Autorin gebührend zu preisen. 
Leider ist mir dies nicht möglich. Und leider ist (so weit es mir bekannt ist) kein weiterer Roman von ihr ins Deutsche übersetzt. 

Um nicht in weiteres Schwärmen zu verfallen und weil eigentlich alles gesagt ist, außer vielleicht, dass dies eine wirkliche Leseempfehlung ist, folgt nun die unausweichliche Bewertung:


Wäre das hier Goodreads, würde ich fünf Sterne vergeben.
(Ja, fünf Sterne sind sie, die wirklich wichtigen Bücher des Lebens.)


Angesichts der gefühlt tausenden von Post-Its, werde ich es wohl lieber sein lassen, eines der Zitate auszuwählen. Ich könnte mich doch für keines entscheiden, weil eigentlich eine Liste all der wundervollen Wendungen notwendig wäre...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen