Du.
sitzt du schon wieder motivations- und antriebslos vor deinem Laptop? Starrst die unendlich vielen leeren, weißen Zeilen an und grübelst darüber, wie in Gottes Namen du sie alle füllen sollst?
Nein. Ich weiß. Weder die Worte, noch die Inhalte fehlen dir, sondern viel mehr der rote Faden, an dem du dich entspannt entlang hangeln möchtest. Diese Entspannung fehlt dir schon wieder seit Wochen. Die Last auf deiner Brust scheint mit jedem Atemzug zu wachsen und umfasst all die Bücher, die ungelesen in deinem Regal stehen, all die Worte, derer du nicht habhaft wirst, um sie zu Papier zu bringen, all die Gefühle, von denen du nicht weißt, wie man sie fühlt, ohne wahnsinnig zu werden.
Dies ist der erste Brief seiner Art und bisher bewirkt er genau das, was seine Absicht ist: Deine Finger wandern schnell und zielorientiert über die Tastatur. Tippen Worte, die nicht mehr den Weg aus deinem Mund finden, weil deine liebste Kommunikationsmethode schon lange Schweigen heißt. Deine Zunge formt immer noch Worte in deiner Mundhöhle. Aber die Notwendigkeit, dass sie deine Lippen verlassen, siehst du nicht mehr. Gespräche, denen es an Tiefgründigkeit fehlt, sind dir zu wider. Deshalb hörst du zu und lässt die anderen reden. Was nach außen hin, unbeteiligt wirkt, ist in Wirklichkeit alles andere als das. Keiner weiß, dass du im Stillen jedes Detail verfolgst und Antworten formst. Doch die Banalität dieser Worte, die du oft nur stotternd und mit schlechter Grammatik von dir gibst, offenbaren eine Unsicherheit, die du lieber Geheimnis bleiben lassen möchtest. Die du nur überwindest, wenn Alkohol dein Inneres aufwühlt und dabei den Sturm deiner Gedanken zähmt. Wenn keiner mehr feststellen kann, dass dein Gestammel nicht nur Folge deines Konsums ist.
Dieser Sturm, der in dir tobt, hat sich nun schon so lange deiner bemächtigt, dass der Gedanke, dass er schon immer da war, sich in eine Sicherheit verwandelt hat. Wie sollte es ein Davor gegeben haben, wenn du dich nicht daran erinnern kannst? Es mutet an, wie ein mathematischer Beweis, dessen erstes Opfer die Unbeschwertheit war.
Fragst du dich immer noch so häufig, wie du deine Situation verbessern kannst? Wie du die Worte in deinem Kopf wieder zu den Bildern machst, die sie immer waren? Und wie du die Bilder wegspülst, die dank deiner eigenen Dauerschleife, nun Übelkeit hervorrufen?
Ich erinnere mich, dass du noch vor ziemlich genau einem Jahr den Gedanken zu Papier brachtest, dass du nichts vergessen möchtest. Dass du jede einzelne Erinnerung in ein Regal stellen würdest, um sie immer und immer wieder hervorzukramen. Ich weiß, dass diese Überzeugung gewichen ist. Dass du dich nach nichts mehr sehnst, als dem ewigen Vergessen. Welche Erleichterung ein Gedankenfriedhof bieten würde. Du würdest zum Mörder deiner eigenen Erinnerungen werden, um aus diesem Albtraum aufzuwachen. Doch du hast auch gelernt, dass man vorsichtig mit seinen Wünschen sein soll und die Tatsache, dass dir keines dieser Bilder verloren gegangen ist, zeigt, dass dein Wunsch erhört wurde. Nicht einmal der Versuch die Sequenzen zu überspielen hat funktioniert. Stattdessen hat sich alles nur summiert und übt nun noch mehr Druck auf dich aus.
Hast du den roten Faden jetzt schon wieder verloren? Ist es so schwer deinen Gedanken zu folgen? Wie möchtest du jemals Bücher schreiben, wenn ein Türklingeln, dich völlig aus dem Konzept bringt?
Ich verstehe, dass diese Zeit nicht leicht für dich ist und dass deine Orientierungslosigkeit dich an Orte treibt, die du im Normalzustand gemieden hättest. Aber glaubst du nicht, dass auch nach einem regnerischen Tag, die Sonne wieder aufgehen kann? Dein ständiger Pessimismus vernebelt dir die Sicht und wer möchte schon gern auf einen See hinausschwimmen, wenn er das andere Ufer nicht erahnen kann. Aber du traust dich mit all deiner Angst und deinen Zweifeln nicht einmal einen Zeh ins Wasser zu strecken und die äußeren Umstände zu ermessen. Du badest lieber in einer angenehm warmen Wanne aus Selbstmitleid und Tränen, anstatt die kühle Erfrischung eines Neuanfangs zu genießen. Ja, es hieß schon immer, man solle nicht bei Sturm ins Wasser gehen, aber glaubst du wirklich, dass sich immer alle daran gehalten haben? Woher sollen all die Abenteuergeschichten kommen, wenn jeder sich an sämtliche Regeln halten würde? Möchtest du in deinem langweiligen Leben untergehen oder doch lieber auf offener See, mit der Aussicht etwas erlebt zu haben, falls es gut geht?
Immer beneidest du alle anderen. Um ihren Mut. Ihre Intelligenz. Ihre Zielstrebigkeit.
Der ständige Vergleich mit anderen, bei dem du grundsätzlich als Verlierer den Platz verlässt, beißt sich mit dem Bild, dass du selbst von dir hast. Du weißt, dass du es genauso gut könntest, wie all die Menschen, die du beneidest. Und in den seltensten Fällen glaubst du wirklich, was deine Selbstzweifel dir zuflüstern. Ich begreife nicht, wie du trotz allem immer wieder in dieses Loch fällst und so bereitwillig glaubst, dass niemand dir eine Leiter reichen wird. Dass niemand all diese Gefühle kennt, die dich umtreiben. Und was noch viel wichtiger ist, dass keiner Interesse daran hat, dir eine Leiter zu reichen, weil sie dich lieber im Loch lassen, als dich in ihrem Leben zu ertragen.
Ja Einsamkeit prägt dein Leben und das ist verständlich, denn viel zu oft brauchst du sie auch, um wieder Kraft zu schöpfen oder um Tränen zu weinen, die die Welt um dich herum nicht verstehen würde. Trotz alle dem ist sie weder der Ausweg aus deinen Problemen, noch eine Last, die dir von jemand anderem als dir selbst aufgebürdet wurde. Betrachte sie als freie Wahl und vermutlich wirst du weniger unter ihr leiden.
Jetzt habe auch ich endgültig den Faden verloren. Ich weiß nicht mehr, was ich dir ursprünglich mitteilen wollte. Eigentlich wollte ich dich nur daran hindern in Worten zu denken, die du dann nicht zu Papier bringst, weil sie in deinem Kopf widerhallen und ihren Sinn verlieren. Du brauchst die geschriebenen Worte, um weniger Sätze und Formulierungen zu denken. Um klar zu kommen. Wenn ich ehrlich bin.
Du brauchst noch viel mehr als das. Sieh das endlich ein. Und dieses mehr ist weder ein genaues Ziel, noch die Liebe eines anderen Menschen. In erster Linie brauchst du wieder eine Verbindung zu dir selbst und die Möglichkeit, deine Gefühle in ihrer Gesamtheit zu akzeptieren. So lange du dich getrennt betrachtest. In Teilen. Das heißt, dass weder deine Gedanken, noch deine Gefühle du sind. Sondern nicht zu dir gehören. Wie sollst du da jemals ergründen, wer du bist? Was du willst? Wohin dein Weg dich führen soll? Auch die negativen Aspekte gehören zu dir und du solltest sie hinterfragen, solange du das noch kannst. Aber lass dich nicht von ihnen einlullen. Das Schlaflied, das sie dir allabendlich vorsingen, entspricht nicht der Wirklichkeit. Vertrau mir. Ich glaube an dich. Auch wenn ich mich allmählich der Übermacht beugen muss. Es liegt an dir diesen winzigen Teil von uns zu retten. Sobald wie möglich.
In Liebe, ich.
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