Freitag, 25. März 2016

Rezension || Mary W. Shelley - "Frankenstein oder Der moderne Prometheus"

Kann man unvoreingenommen an Bücher herangehen, deren Geschichte man eigentlich kennt? Das heißt, von denen es derartig viele Verfilmungen gibt, dass man mindestens eine gesehen hat? Oder Bücher, die solche Klassiker sind, dass jeder die Handlung teilweise oder sogar ganz rekonstruieren kann...

Der folgende "Schauerroman"  ist eines dieser Bücher. Mir fallen mindestens drei Verfilmungen ein (von denen ich keine gesehen habe - immerhin) und die Story war mir mehr als bekannt. Trotzdem habe ich mich doch auf dieses Buch gefreut. Habe es bewusst auf meine TBR-Liste (anschauen - hier klicken) für 2016 gesetzt. Und wie es der Zufall so wollte, hat meine Mutter es letzten Mittwoch aus meinem TBR-Jar gezogen. Deshalb durfte es mit auf meinen Städtetrip nach Prag und wurde dort (vor)gelesen... 
Die ziemlich gute Wahl:

Mary W. Shelley
Frankenstein oder Der moderne Prometheus
(Frankenstein: or, The Modern Prometheus)

Erschienen im Oktober 2009 im Fischer Taschenbuch Verlag
Fischer Klassik Reihe
978-3-596-90187-6
8,- €

(In dieser Ausgabe leider vergriffen)


| Bild folgt |


Nachdem der Stern aus meinem TBR-Jar entfaltet war, klang die Begeisterung erst einmal ab. Immerhin war ich froh, dass es kein "1000-Seiten-Schinken" war den wir da gezogen hatten. Denn davon gibt es einige, auf die ich momentan wirklich keine Lust habe, weil immer noch Owen Meany (ca. 800 Seiten) auf meinem Nachttisch liegt und langsam abgestottert wird. Außerdem sind für das Reisegepäck für ein Wochenende 215 Seiten deutlich angenehmer.
Also habe ich es eingesteckt und gleich auf der Hinfahrt im Auto angefangen. Trotz anfänglicher Skepsis gegenüber dem Roman, weil die Lust auf einen Klassiker einfach ausblieb, tauchte ich relativ schnell ein. Die Verschachtelung der Geschichte war für mich zwar im ersten Moment ein wenig verwirrend, weil ich erwartet hatte, dass gleich im ersten Kapitel ein Verrückter an Leichenteilen "herumdoktort"... Aber nach einer Weile verstand ich, dass Frankenstein eine Rahmenhandlung hat. Wenn nicht sogar mehrere.

Soll ich die Handlung umreißen, wenn eigentlich das meiste bekannt ist? 

Ich muss hier ausnahmsweise mit ja antworten, weil hier eben kein Verrückter an Leichenteilen "herumoperiert", sondern ein Wissenschaftler die Mysterien des Lebens erforscht. Im entferntesten Sinne.

Die Rahmenhandlung findet in der Arktis in der Nähe des Nordpols statt. Hier möchte ein weiterer Wissenschaftler den Magnetismus der Erde erforschen. Zumindest habe ich das so in Erinnerung. Da der Gegenstand der Forschungsarbeit quasi irrelevant ist, habe ich wohl irgendwie zu schnell darüber gelesen...
Dieser Wissenschaftler schreibt Briefe an seine Schwester und beschreibt den Fortgang der Reise und somit auch die Aufnahme Victor Frankensteins an Bord, der sein Monster mit einem Schlitten durch die Arktis verfolgt hatte.

Dieser beginnt nun dem Polarforscher davon abzuraten, wissenschaftlich zu agieren, durch das Verweisen auf sein eigenes Schicksal und erzählt infolgedessen seine Geschichte, die Walton (der Polarforscher) wiederum wörtlich an seine Schwester weitergibt.

An dieser Stelle erhält das Buch anstatt der Form des Briefromans, Kapitel und die eigentliche (bekannte) Geschichte nimmt ihren Lauf.

Auch in diesem Buch hätte mir eine kurze Information zu Beginn genügt und meine Verwirrung wäre geringer ausgefallen. Auf der anderen Seite, sollte ich vielleicht wirklich weniger voreingenommen an Bücher herangehen, von denen ich meine, sie zu kennen. Einfach mal ein Buch in die Hand nehmen und sich darauf einlassen und weniger darüber nachdenken, was ich bereits vorher darüber gelesen oder gesehen habe.
Mir fällt dies sichtlich schwer, vor allem bei solchen Klassikern, bei denen ich annehme, auch das Ende zu kennen. Aber bei der Anzahl der Bücher, auf die dies zutrifft und in meinem Regal stehen, muss ich wirklich anfangen dies zu lernen. Denn in vielerlei Hinsicht ruiniert mir dies das Leseerlebnis.

Oder auch nicht...

Ich mochte Frankenstein. Also das Buch. Nicht den Charakter.

Für mich war dieser "Schauerroman" nicht der solche, sondern eine Studie über (und ich hoffe ich lehne mich hier nicht zu weit aus dem Fenster mit diesem Wort) Determinismus. Ist die Kreatur böse, weil sie böse ist? Also in ihrem Wesen. Von Geburt an. Oder ist sie böse, weil es ihr Schöpfer, ihre Umwelt sie dazu macht. Oder ist dies wiederum nur eine Ausrede?
Dieses Gedankenspiel, macht Frankenstein für mich zu einem philosophischen Buch. Angehaucht von Schauerelementen. Gespickt mit kriminalistischen Momenten. Aber vor allem Mitleid provozierend auf fast jeder Seite.

Ich denke, man kann Frankenstein auf zwei Arten lesen. Und vermutlich entscheidet sich jeder für eine Seite dieser Beziehung zwischen Wissenschaftler und seiner Schöpfung. Ich für meinen Teil stehe auf der Seite der Kreatur. Des Verdammten. Der nichts für sein Dasein kann.
Und allein diese Entscheidung, diese Meinungsbildung, verleiht dem Buch das Prädikat lesenswert. Für jeden.

Trotzdem muss ich einen Stern abziehen. Für den ständigen Egozentrismus des Protagonisten Frankensteins: Ist er erfolgreich, schwärmt er in den höchsten Tönen von sich. "Fishing for compliments" würde man das auf Neudeutsch bezeichnen. Drückt sein Elend ihn zu Boden, ist er der verfluchteste Mensch der je existiert hat. Nichts übertrifft sein Schicksal. Niemand kann mit ihm fühlen. Welch leichtes Leben hat doch jeder andere, verglichen mit ihm.  Ein wenig genervt hat mich das. Und meinen Zimmergenosse im Prager Hotel, dem ich vorgelesen habe, übrigens auch.

Deshalb...

Wäre dies hier Goodreads, würde ich vier Sterne vergeben.
(Vier sind Favoriten, aber nicht die wirklich wichtigen Bücher des Lebens.)


Anmerken möchte ich noch, das im Nachhinein Frankenstein die optimale Lektüre für Prag war. Zum  Einen, weil es ein Buch war, das ich vorlesen konnte, weil es auch meinen Zimmergenossen interessiert hat. Und zum Anderen, weil uns erst während der Reise aufgefallen ist, dass auf dem Jüdischen Friedhof in Prag der Schöpfer des Golem, ein Mensch geschaffen aus Lehm, begraben liegen soll. Irgendwie passend...


Ein markiertes Zitat (von Seite 85):

"Nichts ist furchtbarer für die Seele, als wenn nach einer Reihe aufregender Ereignisse die Totenstille der Untätigkeit eintritt und sie der Fähigkeit zu hoffen oder zu fürchten beraubt."

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