Sonntag, 31. Mai 2015

Das Zentrum ihres Universums

"Es waren nie seine Augen gewesen, die sie fasziniert hatten. Sie war weder in ihrer Tiefe ertrunken, noch waren sie es, die ihre Erinnerung bestimmten. 

Wenn sie sich sein Bild ins Gedächtnis rief, wurde dieses zwar von seinem Gesicht dominiert, jedoch nicht von der Region, in die man im letzten Moment blickt, bevor man sich verabschiedet, sich umdreht und geht, wie sie es getan hatte. Der Fokus ihrer Erinnerung lag
auf dem Bereich unterhalb seiner Nase: Kinn und Mund, verziert mit dem Bart, den sie so sehr geliebt hatte und den sie tatsächlich vermisste.

Seitdem sie denken konnte, hatte sie Blickkontakt vermieden. Aus Scheu zu viel von sich preiszugeben, beobachtete sie ihre Gegenüber lieber aus anderen Blickwinkeln. Ihr Interesse galt von Händen ausgeführten Gesten, nervös wippenden Füßen und sich beim Sprechen bewegenden Kehlköpfen. Selten kam sie mit ihrer Aufmerksamkeit den Augen einer Person so nahe, wie bei ihm.

Wenn er sprach, ruhte ihr Blick auf seinem Mund. Auf seiner ausgeprägten Kinnpartie, die so sehr von Männlichkeit geformt worden war. Sie beobachtete seine Lippen, wie sie sich bei jedem Wort öffneten und schlossen. Sein Mund wirkte ein wenig zu klein in seinem Gesicht, aber es verlieh ihm Ausdruck und betonte nur sein markantes Kinn. Jedes Lächeln erweckte einen schrägen Eindruck, was sie aber umso mehr an ihm mochte, da es schelmisch wirkte.

Sie hatte sich derart auf seinen Mund fixiert, dass er zum Zentrum ihres Universums geworden war. Die Worte, die ihn verließen, waren das Steuer, das sie auf Kurs hielt und wenn es nicht die Worte waren, dann konsumierte sie seine Küsse wie ein Grundnahrungsmittel. 
Mit dem Kopf auf seiner Brust und dem Blick auf seinen Lippen, fühlte sie sich geborgen. Aus diesem Grund verlor sie sich heute in Bildern, die der Perspektive des Geborgenseins am nächsten kamen und stellte sich vor, ihre Finger würden sich ein letztes Mal in seinem Bart verirren..."

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|| Samstag, 9. Mai 2015


Schon drei Wochen alt und einer der ersten Versuche des Schreibens dieser Art. Ich musste erst einmal nachsehen, aber er bevölkert Seite Eins meines Notizbuches... Liniertes Papier. Bleistift. Ziemliche viele Streichungen. 

"Sie wusste nicht, woher diese Melancholie rührte, wenn sie über den Verlust etwas so Unwichtigem - verglichen mit dem großen Ganzen - nachdachte. Doch"



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