Dienstag, 2. Juni 2015

Rezension || Pierre Lemaitre - "Wir sehen uns dort oben"


Heute möchte ich den ersten Post zu meiner zweiten Leidenschaft verfassen und daher trifft es sich gut, dass ich vor nicht einmal einer Stunde ein Buch beendet habe:

Pierre Lemaitre 
Wir sehen uns dort oben (Au revoir là-haut)

Erschienen 2014 im Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-98016-5
22,95 €


Dieses Buch habe ich bereits Anfang diesen Jahres von einem guten Freund geschenkt bekommen. Wir waren in der Stadt unterwegs und hatten einen kleinen Abstecher in eine Buchhandlung gemacht. Dort stand ich vor dem Regal, nahm dieses Buch in die Hand und schwärmte ihm vor, wie gut es in der ZEIT rezensiert worden war. Da es erst kürzlich erschienen, leider im Hardcover, und dementsprechend noch teuer war, stellte ich es wieder an Ort und Stelle. 
Etwa eine Woche später packte ich es aus Geschenkpapier aus. Der gute Freund hatte mir zugehört und sich noch dazu gemerkt, was ich gesagt hatte. Kurzerhand hatte er beschlossen, mir damit eine "kleine" Freude zu machen. Einfach so. Nicht nachträglich zu Weihnachten. Ohne Geburtstag. Danke stand auf der beiliegenden Karte. 

Jetzt, etliche Wochen und Nachfragen ("Wie war das Buch denn nun?") später, habe ich es endlich geschafft, es in die Hand zu nehmen. Zwischen zwei Unilektüren hat es ein wenig Platz gefunden. Doch dieser Platz war sehr gut genutzt. 

Von der ersten Seite an hat mich dieses Buch in seinen Bann gezogen und so war es nicht verwunderlich, dass gleich am ersten Abend einhundert Seiten daran glauben mussten. Dieses Tempo behielt ich bei, wenn ich las, dann etwa hundert Seiten. Vorher konnte ich es nicht aus der Hand legen und wenn ich es tat, dann nur, weil mein Gewissen mir riet besser schlafen zu gehen. 

Jetzt folgt der schwierige Teil für mich. Ich konnte den Inhalt eines Buches noch nie gut zusammenfassen. Darin bin ich fast so schlecht, wie im anpreisen bzw. verkaufen. Und das als gelernte Buchhändlerin.

Wir sehen uns dort oben erzählt die Geschichte zweier Kriegskameraden. Nur knapp entrinnen sie dem Tod am Ende des Ersten Weltkriegs. Albert behält ein Trauma. Édouard entkommt nur zum Preis eines entstellten Gesichts. Doch die Erlebnisse dieser letzten Kriegstage binden die beiden unwiderruflich aneinander. 
Ich konnte mir kaum vorstellen, was die Geschichte in diesem Buch sein könnte. Und wer vermutet, dass hier über das Leid der Kriegsveteranen geschrieben wurde, liegt falsch. Viel mehr geht es um ein Frankreich nach Ende des Ersten Weltkriegs, geprägt von Siegerstolz und kaum vorstellbaren Problemen. Es sind nicht nur Albert und Édouard, die beiden Freunde, sondern so viel mehr Gestalten, die teilweise ihren Nutzen aus dem Krieg ziehen - wie Henri Pradelle, der Gegenspieler - oder aber doch auch unter dem Krieg leiden - wie Édouards Vater, der nicht weiß, dass sein Sohn den Krieg überlebt hat. 
Es entsteht ein Roman, der so viele Ebenen besitzt und die Perspektiven in derartigem Tempo wechselt, dass man gar nicht merkt, wie schnell man in einen anderen Kopf gesprungen ist. (Was mir übrigens durchaus am besten an Lemaitres Schreibstil gefallen hat.) So verfolgt man die betrügerischen Machenschaften der Hauptcharaktere und entwickelt wirkliche Sympathien, aber auch tiefe Abneigungen. Selten habe ich mich so sehr in zwei männliche Protagonisten eingefühlt, wie in Édouard und Albert, auch wenn der eine das Aussehen eines Monsters haben muss. Deshalb wäre ich sehr neugierig auf eine Verfilmung. 

Hier habe ich ein kleines Stück Zeitgeschichte gelesen, das mich derart fasziniert hat, dass ich es schon jetzt zu meinen Favoriten der bisherigen diesjährigen Lektüre zähle. Danke an den guten Freund dafür, dass er es mir geschenkt hat. Sonst hätte ich es vermutlich aus den Augen verloren und mich nicht die letzten paar Abende so sehr auf ein Buch freuen können.

Wäre das hier Goodreads, würde ich vier Sterne vergeben.
(Vier sind Favoriten, aber nicht die wirklich wichtigen Bücher des Lebens.) 


Ein einziges Zitat (von Seite 254) habe ich markiert:

"Selbst in der größten Freude steckt immer auch ein Rest Traurigkeit, bei allem, was man erlebt, fehlt im Grunde etwas." 

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