Donnerstag, 23. Juli 2015

Rezension || Gustave Flaubert - "Madame Bovary"

Ähnlich wie Wer die Nachtigall stört (Rezension - hier lesen), steht auch dieses Buch schon eine ganze Weile in meinem Regal. Seit dem 24. September 2013, sagt das Etikett vom Großhändler mir.
Genau aus diesem Grund übrigens ziehe ich nie die Etiketten von meine gekauften Büchern und CDs ab, weil ich es unheimlich interessant finde, welche Schlüsse ich später noch daraus ziehen kann. 
Nun hatte ich mich vor über vier Wochen dazu entschlossen, es endlich zu Ende zu lesen.


Gustave Flaubert
Madame Bovary (Madame Bovary. Mœurs de Province)

Erschienen im Dezember 2009 im Fischer Taschenbuch Verlag
Fischer Klassik Reihe
ISBN 978-3-596-90230-9
9,50 €



Obwohl ich Madame Bovary regelmäßig aus meinem Regal herausgenommen habe, hatte es eine Schicht Staub angesetzt. Auch diesen Roman habe ich vielleicht drei Mal angefangen. Nie beendet. Habe es vielleicht bis Seite Einhundert geschafft. Dann wurde es mir zu viel. Habe für Wochen aufgehört zu lesen. War dann nicht mehr in der Geschichte. Habe etwas Neues angefangen. 
Fast wäre es dieses Mal wieder so gewesen. Ich habe lange Zeit gar nichts gelesen, weil Madame Bovary mich einfach nicht gefesselt hat. Vielleicht war es der naturalistische Schreibstil Flauberts, der mir zu langatmig war. Ich kann es mir nicht erklären. Doch da ich jetzt, dank des Studiums, endgültig gelernt habe, Bücher zu Ende zu lesen, auch wenn sie mir nicht gefallen, habe ich mich gezwungen, es erneut in die Hand zu nehmen. Und siehe da... Es hat geklappt. Nach drei- oder vierwöchiger Pause, brauchte ich vielleicht noch eine Woche, um es zu beenden.

Unter der langen Lesezeit hat das Buch allerdings gelitten. Es wurde mehr als einmal mit in die Heimat genommen, wurde feucht von den nassen Handtüchern in meiner Badetasche und zu guter Letzt, habe ich ihm (aus Versehen) den Rücken gebrochen. So gehe ich normalerweise nicht mit meinen Büchern um. Meistens stelle ich sie zurück ins Regal und sie sehen immer noch ungelesen aus. Aber wenn man so etwas wie eine Hassliebe zu einem Buch entwickelt, verletzt man nur noch das Buch beim Rückenbrechen und nicht mehr sich selbst.

Jetzt, nachdem ich Madame Bovary (endlich) von meiner Liste streichen kann, bin ich sehr erleichtert. Denn nicht erst seit meinem Literaturunterricht auf der Buchhändlerschule, weiß ich, dass Emma neben Anna und Effi zu den drei Frauen des 19. Jahrhunderts gehört, die man auf ihrem Weg begleitet haben sollte. Und jetzt muss ich mich nur noch von Anna an die Hand nehmen lassen.

Nun aber zum Inhalt und meiner Meinung...

Ich denke, dass jeder, der sich ein wenig für Literatur interessiert, grob den Grundkonflikt von Madame Bovary kennt: Gelangweilte Ehefrau nimmt sich einen Liebhaber. Das ist jetzt wirklich einfach formuliert, aber im Grunde ist das die Handlung... Plus ein paar Nebenstränge.
Emma heiratet jung den Arzt Charles Bovary, lebt mit ihm bodenständig in einem Ort in Frankreich und ist zu Anfang ihrer Ehe eigentlich zufrieden. Nach einem Ball, merkt sie, dass ihr das einfache Leben nicht genug ist. Sie strebt nach mehr. Einem Leben in Reichtum, Fülle, Erfolg und vor allem in Liebe. Sie sehnt sich nach der Liebe von der sie in Romanen gelesen hat, die "mit feurigen Blitzen und Donnerschlägen" (Seite 129) kommen müsse. Sie verliert ihre Lebenslust. Selbst ein Umzug und die Geburt ihrer Tochter Berthe (Mal ehrlich, gibt es einen schlimmeren Namen für ein kleines Mädchen?) verbessern ihre Lage nicht. Nur der Notariatsgehilfe Léon erhellt ihre Tage mit seiner gelegentlichen Anwesenheit und ihren damit einhergehenden tiefgründigen Gesprächen.

Ich hatte erwartet, dass der Ehebruch bereits hier seinen Lauf nimmt, aber dem war nicht so. Und erst Léons Abschied animierte mich zum zügigen weiterlesen, denn nun war ich gespannt darauf, wer Emmas Geliebter wird.
So viel sei gesagt, es ist nicht nur die Langeweile, die sie in die Arme eines Anderen treibt, sondern auch die Liebe, die der so uninteressante, spießige Charles ihr verwehrt. Wobei... Das ist ungerecht. Er liebt sie. Außerordentlich sogar. Aber es ist eine andere Art der Zuneigung, die Emma in ihrem Leben erwartet.

Nachdem ich über Seite Einhundert hinaus war, wurde das Buch für mich dann doch noch eine kurzweilige Lektüre. Natürlich hat Madame Bovary einige langatmige Passagen, vor allem wenn der Apotheker Homais in Erscheinung tritt. Selten ging mir eine Person in einem Roman so sehr auf die Nerven. Doch Emmas Schicksal, gepaart mit einigen wirklich guten Zitaten über die Liebe und der fehlenden Freiheit der Frauen im 19. Jahrhundert, machen den Roman wieder lesenswert.
Man beginnt Vergleiche anzustellen, welche Möglichkeiten die Damenwelt damals hatte und ist dann wieder gänzlich froh, fast zwei Jahrhunderte später geboren worden zu sein.

Alles in allem wird Madame Bovary nicht mein Lieblingsbuch werden. Ich werde es kein zweites Mal lesen und vermutlich auch nicht weiterempfehlen. Aber ich bin froh und ein wenig stolz, es gelesen zu haben. Denn manchmal kann man auch aus einem Zwang noch ein wenig Nutzen ziehen: Dies war Buch 37 in meinem überambitionierten Vorhaben 1001 Bücher zu lesen, die ich lesen sollte, bevor mein Leben vorbei ist.

Wäre das hier Goodreads, würde ich drei Sterne vergeben.
(Erst hatte ich vier. Dann habe ich mit den anderen Vier-Sterne-Büchern verglichen und musste einen zurück ziehen. Schade, dass ich nicht drei und einen halben vergeben kann.)


Dieses Mal habe ich ein paar mehr Zitate markiert und hier kommt eines (von Seite 178f.):

"-Nun! sagte er, wissen Sie nicht, daß es Seelen gibt, die immer hin- und hergerissen werden? Sie brauchen abwechselnd den Traum und die Tat, die reinsten Leidenschaften, die wildesten Genüsse, und so stürzt man sich in alle möglichen Ausschweifungen und Verrücktheiten.
Da sah sie ihn an, wie man einen Reisenden betrachtet, der exotische Länder durchquert hat, und sie sagte:
- Wir haben nicht einmal diese Zerstreuung, wir armen Frauen!
- Eine traurige Zerstreuung, denn man findet dabei kein Glück.
- Findet man es denn jemals? fragte sie.
- Ja, eines Tages begegnet man ihm, antwortete er."

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