Dies ist eines dieser Bücher, die lange in deinem Regal warten, bis du dich mit ganzem Herzen an sie heran traust. Sie haben bereits eine Schicht Staub angesammelt, bevor du sie zum ernsthaften Beenden in die Hand nimmst:
Harper Lee
Wer die Nachtigall stört (To Kill a Mockingbird)
Erschienen 1962 im Rowohlt Verlag
In einer ähnlichen Ausgabe für 19,95€ erhältlich (immer noch) bei Rowohlt
In einer ähnlichen Ausgabe für 19,95€ erhältlich (immer noch) bei Rowohlt
Wer die Nachtigall stört steht bereits seit zwei oder drei Jahren in meinem Regal. Eine besonders schöne gebundene Ausgabe, die ich an einem Bücherflohmarkt für ein paar wenige Münzen erstanden habe. Tadelloser Zustand. Wunderschöne Einbandfarbe. Türkis. Leinengebunden.
Ich habe dieses Buch mehrere Male angefangen, bin aber nie über die ersten Seiten hinausgekommen. Wenn ich mich recht entsinne, hatte ich es schon einmal aus der Bücherei ausgeliehen gehabt, bevor ich es mir selbst zulegte.
Manchmal frage ich mich, was Menschen bzw. mich dazu bewegt Bücher wegzulegen. Ihnen erst mal keine Chance zu geben. Oder sogar mehrere, aber es nie zu schaffen sie wirklich zu Ende zu lesen. Vielleicht war ich zu jung. Vielleicht hat es nicht zu meinem damaligen Leben gepasst. Vielleicht gab es ein Buch, das wichtiger war. Ich weiß es nicht.
Es kann nicht am Buch selbst, das heißt an Harper Lee und Wer die Nachtigall stört, gelegen haben, denn sonst hätte ich es heute nicht glücklich - es gelesen zu haben - aus der Hand gelegt.
Vielleicht ist die viel wichtigere Frage, warum traue ich mich überhaupt an solch ein altes Buch. Warum habe ich es nicht aufgegeben, nach mindestens dreimaligem Hineinlesen?
Dafür habe ich mehrere Gründe...
- Ist dies für mich ein Stückchen Weltliteratur. Das mich magisch anzieht. Ein Buch, von dem ich mir erhoffe, dass es mir etwas gibt. Und wenn es nur ein paar tiefgreifende Zitate sind. Lieber sind mir neue Perspektiven. Denkanstöße. Gesprächsthemen.
- (Und das ist wahrscheinlich der größere Ansporn.) Arbeite ich eine Liste ab. Hat nicht jeder bibliophile Mensch etwas in dieser Art? Eine Liste von Büchern, die er in seinem Leben gelesen haben möchte. Eventuell ja nur, um das Ende des persönlichen SuBs (Stapel ungelesener Bücher) zu erreichen. Bei meiner Liste handelt es sich weniger um das Wollen, als um das Sollen. Das Sollen, das ich will. Das hört sich sehr verwirrend an, ist es aber nicht. Ich arbeite an der Liste der 1001 Bücher, die Sie lesen sollten, bevor das Leben vorbei ist. Ein Buch von Buchexperten für Buchliebhaber. Ja, ich vertraue gerne dem Urteil anderer. Und ja, es ist ein wenig überambitioniert. Aber ich wage mich daran. und vielleicht auch an einen separaten Post zu meiner Bibel.
Nun, nachdem die Hintergründe geklärt sind, möchte ich zum Wesentlichen über gehen: Zum Inhalt und zu meiner Meinung.
Noch eine kurze Unterbrechung: Ich liebe es, dass ich hier draußen sitzen kann. Auf der Terrasse. Abends. Im Licht der untergehenden Sonne. Mit Tee. Und mir so unendlich viel Zeit lassen und Gedanken machen kann. Nichts und niemand stört mich. Außer vielleicht ein paar Mücken (und gegen Ende tatsächlich ein Igel), aber denen sei es gegönnt.
Nun aber wirklich.
Wenn ich vor meiner Lektüre über Wer die Nachtigall stört nachgedacht habe, kam mir immer als Erstes Atticus Finch in den Sinn. Ich kann nicht genau sagen, warum, aber ich wusste, dass er dieser Protagonist ist. Dieser wichtige Mensch. Der ein ganzes Buch bestimmt.
Jetzt, nach meiner Lektüre, bin ich zwar immer noch der selben Ansicht, aber ich bin auch ein wenig eines Besseren belehrt worden. Denn eines ist Atticus Finch ganz und gar nicht: DER Protagonist. Der sich selbst hervortut. Der ein ganzes Buch für sich einnimmt. Aus eigenem Interesse.
Atticus ist viel mehr der stille, in sich gekehrte, zurückhaltende Held, der seine Taten für sich sprechen lässt, aber ohne Eigennutz oder Geltungsdrang. Sondern vielmehr aus Nächstenliebe und moralischem Pflichtbewusstsein. Er agiert im Hintergrund. Gewillt immer das Richtige zu tun. Keine Verfehlungen. Ethisch gesehen, nahezu perfekt.
Was mich zu diesem Schluss kommen lässt, ist die Perspektive, aus der das Buch erzählt wird: Aus der Sicht seiner (zu Anfang) sechsjährigen Tochter Scout. Ein Kind, das die Erlebnisse einiger Jahre erzählt. Das nicht alle Zusammenhänge versteht, aber doch so gewissenhaft berichtet, dass man nichts verpasst und sich sicher ist, dass man die volle Wahrheit erfährt und daher sich nicht irren kann, welch ein Übermensch Atticus ist.
Atticus ist Rechtsanwalt und übernimmt die Pflichtverteidigung eines Schwarzen im Rassismus-geprägten Maycomb, Alabama. In dieser Zeit werden die Schwarzen noch extremer als minderwertige Menschen angesehen, ausgeschlossen von der weißen Gesellschaft und verfolgt von Vorurteilen. Scout und ihr Bruder Jem wachsen zwischen diesen Problemen auf. Haben selbst ihre kindlichen Probleme.
Die Handlung zu umreißen ist schwer, da ich nichts vorgreifen möchte, aber auch weil viel erzählt wird, das scheinbar unwichtig für den roten Faden ist: Dörfliches Leben, Familliengeschichten, Abenteuer, Schulprügeleien... Aber nur so lernt man die örtliche Gemeinschaft kennen und kann in die tiefliegenden Konflikte eintauchen.
Dieser Roman hat mich begeistert, auch wenn es mir manchmal schwer fiel, Scout zu mögen. Ich war eher bei Atticus und Jem, da die einfacher zu verstehen waren, aus der Sichtweise eines Erwachsenen heraus. Wer die Nachtigall stört ist spannend, bildlich, im Gedächtnis haftend, gedankenanregend, wachrüttelnd... Der Konflikt zwischen Schwarz und Weiß ist kein Problem der 1930er Jahre. Er ist aktuell und das macht dieses Buch auch noch heute lesenswert. Sehr zu empfehlen. Tiefschürfende Lektüre. Gerichtsthriller, Drama und Kindheitserinnerung in Einem.
Was ich am Ende aber doch noch ein wenig bemängeln möchte, ist die Übersetzung. Ich hoffe wirklich, dass es nur an meiner alten Ausgabe liegt, dass der Nachname der Protagonisten ins Deutsche übersetzt wurden. Ist das noch aktuell? Heißen Atticus, Scout und Jem in den neueren Ausgaben auch Fink? Ich muss das unbedingt nachschauen.
Außerdem stößt mir die Übersetzung des Titels ein wenig bitter auf. To kill a mockingbird... Ich verstehe, dass man vom Töten auf das Stören ausweicht, aber meinen Recherchen nach ist mockingbird im Deutschen eine Spottdrossel, keine Nachtigall. Nichtsdestotrotz handelt es sich um einen poetischen Titel, der eingängig und - ich würde behaupten - für fast jeden ein Begriff ist.
Wäre das hier Goodreads, würde ich vier Sterne geben.
(Vier sind Favoriten, aber nicht die wirklich wichtigen Bücher des Lebens.)
Wieder habe ich nur ein Zitat (von Seite 143) markiert:
"- Atticus, du musst dich irren.
- Wieso?
- Weil die meisten Leute denken, daß du dich irrst.
- Sie sind durchaus berechtigt, so zu denken, und sie können auch verlangen, daß wir ihre Meinung respektieren. Aber bevor ich mit anderen leben kann, muß ich mit mir selber leben. Das einzige, was sich keinem Mehrheitsbeschluß beugen darf, ist das menschliche Gewissen."
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