Donnerstag, 3. März 2016

Rezension || Tadeusz Borowski - "Bei uns in Auschwitz"

Ja, ich habe es getan. Und ja, ich bereue es. Und nein, gefallen hat es mir ganz bestimmt nicht.

Nachdem ich diesen vorletzten Post über die Einseitigkeit in meiner Lektüre geschrieben hatte, ist es doch passiert. Trotz meiner Vorsätze etwas weniger Bedrückendes zu lesen, habe ich meinen (uralten) E-Reader geschnappt und habe dieses Buch angefangen. Schande über mich. 
Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, ich habe es als E-Book ausgeliehen und musste es sozusagen lesen. Bevor es wieder "weg" ist. 

Anhand des Datums dieses Posts über mein bevorzugtes Lesethema und des Datums dieses Posts, lässt sich erkennen, wie lange mich dieses Buch nun begleitet hat. Ich war zwar für zwei Wochen in Deutschland unterwegs und habe dank unschätzbar kostbarer Zeit mit vielen Freunden wenig gelesen, aber nichtsdestotrotz hat, so lange an 305 Seiten hängen zu bleiben, einen anderen Grund.

Aber nun erst einmal die Formalitäten:

Tadeusz Borowski
Bei uns in Auschwitz (Pozegnanie z Maria)

Tatsächlich nur noch als E-Book Download erhältlich

Erschienen 2014 bei Schöffling & Co.
9783731760603
10,99 € 

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Als ich dieses Buch gestern Abend beendet habe, war ich froh. Das klingt jetzt vielleicht, wie ein vernichtendes Urteil, aber das soll es keineswegs sein. Es beschreibt viel mehr meine Beziehung zu diesem Buch.
Ich bin nicht hinein gekommen. Ich habe nicht durch gefunden. Ich bin nicht heraus gekommen.
Das klingt wirklich seltsam. Ich weiß. Aber wie findet man Worte für solch ein Buch?

In die Hand genommen habe ich es vor allem, weil es wieder einmal der 1001 Bücher, die Sie lesen sollten ist. Und weil es so gut in meinen Leserhythmus passt. Und noch dazu annehmbar viele Seiten hat. Aber viel mehr Positives kann ich nicht dazu sagen. So leid es mir tut.
Vielleicht habe ich mich zu wenig darauf eingelassen, weil es wieder ein Buch zur Shoah war. Und vielleicht muss man dieses Buch in einem Atemzug in sich aufnehmen, um es vollends zu verstehen.
Ich bin gescheitert. In vollem Maße.
Dafür gibt es viele Gründe. Zum Einen der fragmentarische Aufbau. Im ersten Abschnitt war ich noch drin. Er ließ sich flüssig lesen. Ich war schnell durch. Dann begann der nächste Teil und plötzlich war alles anders. Ich verstand nicht mehr, wer hier erzählte. Noch dazu die vielen Zeitsprünge. Und der Auschwitz-eigene "Slang". Ja, es gab Anmerkungen. Aber diese waren nur durch unterstrichene Wörter bzw. Passagen gekennzeichnet. Bis ich verstand, dass diese tatsächlich im Anhang erläutert werden, war ich schon fast fertig mit diesem Buch.
Und hiermit kann ich sofort zum zweiten Grund meines Scheiterns: Ich habe das Buch auf einem E-Reader gelesen. Marke Uralt. Ich habe leider keine Ahnung, wie man hier zwischen dem aktuellen Kapitel und den Anmerkungen hin- und herspringt. Und ich glaube fest daran, dass dies nötig gewesen wäre, um sich mit der Geschichte zurecht zu finden. Wenn man es denn überhaupt als eine Geschichte bezeichnen kann. In Wirklichkeit handelt es sich um zusammengesetzte Geschichten. Ja, mehrere.

Und aus diesem Grund möchte ich jedem, der dieses Buch lesen möchte (denn abraten will ich auf keinen Fall), den entscheidenden Hinweis geben, der auch mir die Lektüre vereinfacht hätte:
Bei uns in Auschwitz ist keine Roman mit einer geraden Storyline. Sondern ein Zusammenschnitt aus Fragmenten. Mit unterschiedlichen Protagonisten, allesamt Ich-Erzähler. Auf welcher Seite der Macht der jeweilige Erzähler steht, ist so unterschiedlich, wie die Zeitpunkte zu denen die Erzählungen stattfinden. Daher die Zeitsprünge. Daher das endlose Verwirrspiel, wenn man der festen Annahme ist, es handle sich um einen Roman, mit den üblichen Formalitäten (Einleitung - Hauptteil - Schluss).
Hätte ich dies vorher gewusst, wäre ich anders an das Buch herangegangen. Hätte es auf eine andere Art und Weise gelesen. Ohne die Erwartung einen autobiografischen Text der mich von A nach B führt vor mir zu haben.
Autobiografisch ist er, keine Frage. Der Autor hat die Konzentrationslager Auschwitz und Dachau überlebt. Sein nüchterner Schreibstil bringt viele seiner Erlebnisse derartig undistanziert auf den Punkt, dass man sich gruselt vor all den demütigenden Handlungen, zu denen Menschen fähig sind. Nie habe ich ein Buch gelesen, das mir auf so schonungslose Weise vor Augen hält, zu welchen Mitteln Menschen greifen, um in blanker Not zu überleben. Borowski beschreibt dies fast zu nüchtern. Aber genau das macht seinen Stil aus. Und gibt dem ganzen Schrecken das letzte Quäntchen, das es braucht um Übelkeit heraufzubeschwören, was eigentlich schon allein der Inhalt schafft.

Ich glaube, dass es kein anderes Buch gibt, das den Lageralltag besser darstellt. Wobei besser das falsche Wort ist. Authentischer vielleicht. Oder realer. Immerhin hat er es erlebt...

Mir fehlen wie immer die Worte. Was aber auch angebracht ist an dieser Stelle. Finde ich.

Wer trotzdem mehr über Bei uns in Auschwitz erfahren möchte, dem empfehle ich die Rezension Maxim Billers. Sie ist auf der Seite des Spiegels zu finden und ich verlinke sie gerne. (lesen - hier klicken) Biller ist Teil des aktuellen Literarischen Quartetts. Derjenige, der kaum jemanden aussprechen lässt. Irgendwie unsympathisch. Aber, und das muss ich ganz offen zugeben, ich mag seine Art Bücher zu besprechen, vor allem nachdem ich diesen Artikel gelesen habe. Leider habe ich ihn nicht vor meiner Lektüre des Buches gelesen, das hätte es mir um einiges leichter gemacht.

Zum Schluss möchte ich nur noch sagen, dass ich versuchen werde das Buch gebraucht zu bekommen und es dann erneut zu lesen. Mit besserem Zugang. Und am besten nach einer langen "Shoah-Pause". Auch wenn mich in Wirklichkeit nicht das Buch selbst am meisten geschockt hat, sondern das Lebensende des Autors. Mir lief es kalt den Rücken hinunter, als ich in Billers Rezension las, dass der Autor sich selbst mit Gas das Leben nahm...

Entschuldigt bitte die etwas wirren Gedankengänge in letzter Zeit... Ich übe. Wirklich. 

Und nun noch die Bewertung:

Wäre dies hier Goodreads, würde ich (vorläufig) drei Sterne vergeben.
(Ohne die nachfolgende Recherche, wären es nur zwei Sterne geworden... Danke an Maxim Biller!)


Leider habe ich kein Zitat markiert, da dies auf meinem E-Reader nicht möglich ist. 

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